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Warum osmanische Geschichte?

Diese Frage stellt sich immer, wenn man selbstkritisch versucht, Antworten zu geben nach dem Sinn und Zweck des eigenen Handels und welcher Beitrag für die gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Probleme möglich sind. Sicher ist die Freude und Begeisterung für Geschichte oder für Sprachen eine wichtige und sehr persönliche Voraussetzung, sich mit osmanischer Geschichte zu befassen. Gleichzeitig mit der persönlichen Entdeckung und Betrachtung ergeben sich Themen- bereiche, die für das Verständnis gegenwärtiger Problematiken in der Türkei oder den ehemaligen Gebiete des Osmanischen Reiches und allgemein islamwissenschaftlicher Relevanz bedeuten. Dabei erfolgen die gegenwärtigen Beurteilungen und Aus- sagen hinsichtlich historischer Betrachtungen immer auf Grund derzeit relevanter Fragestellungen auf eigene Initiative oder durch politische und gesellschaftliche Problembereiche. Gerade das Osmanische Reich bildet bei zwei wichtigen Fragestellungen Grundlage und Verständnis der Problematik.

Zum einen ist es Vorraussetzung für türkische Geschichte und relevant für gegenwärtige politische und gesellschaftliche Entwick- lungen in der Türkei. Gleichzeitig aus deutschern Sicht,  in Bezug auf die in der Bundesrepublik lebende türkische Mitbürger.

Zum anderen ist die Erforschung und das Verständnis der osmanischen Geschichte bei drei aktuellen Problemfelder mit welt- weiter Relevanz. Es handelt sich um die Konfliktzone Südosteuropa bzw. Balkan, der Nahostkonflikt mit Schwerpunkt Palästina und die Kaukasusregion. Alle drei genannten Konfliktzonen haben mehr oder weniger ihre Wurzeln in der osman- ischen Geschichte. Diese Konfliktzonen sind aber nicht nur aus der Perspektive eines historischen Bezugs darstellbar, sondern implizieren eine Vielzahl von Problemgebieten angefangen von politischen, religiösen, sozialen, militärischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkte. Die Fülle an unterschiedlichen Wissensgebieten zwingt bei der Beschäftigung mit osmanischer Geschichte gerade zu einem fächerübergreifenden Erkenntnismix unterschiedlicher wissenschaftlicher Methoden und Fragestellungen. Natürlich spiegelt die Entwicklung des Faches Osmanistik gerade diese, aus heutiger Sicht, fundamentale Betrachtung historisch wieder. Hatten wir es am Anfang der Geschichtsschreibung noch mit historischer Wissensvermittlung aus der Sicht militärischer Abläufe zu tun, so trat danach die verfassungsrechtliche Betrachtung hervor. Später fokussierte sich der Blickwinkel auf ver- waltungstechnische Fragestellungen und politische Strukturen. In den 70er Jahren der Osmanistik tauchen dann wirtschaftliche und soziale Fragestellungen auf, die heute durch kulturelle Untersuchungen noch ergänzt werden. Eine Betrachtung religions- wissenschaftlicher Sichtweisen steht noch aus. Verbunden mit der Menge an in unterschiedlichen Sprachen und Nachfolge- staaten produzierenden Forschungsgebieten, lassen heute eine Gesamtschau vermissen und zeigen die Problematik einer sich sehr regional unterschiedlichen Forschungsvorgehens auf.

Osmanische Geschichte bzw. die Relevanz der Auseinandersetzung mit den Folgekonfliktthemen zeigt die Problematik heutiger Forschung und gleichzeitig die Notwendigkeit, Antworten zu geben um gegenwärtige Konflikte und die darin agierenden Völker zu verstehen. Wenn es gelingt, mit wissenschaftlichen Methoden die nationale Vergangenheit, der an den heutigen Konflikten beteiligten Völker und in der Türkei, ausreichend, verständlich und mit der gebotenen Objektivität (durch verbindliche wissen- schaftliche Instrumente) aufzuarbeiten, dann kann die Beschäftigung mit der Osmanistik neben der Erfüllung individuellen Interessen seinen Beitrag leisten und die fatalen Motive und Folgen der Vergangenheit wie Übersteigerten Nationalismus, Fundamentalismus, Vertreibung, Terror und Vernichtung von Völkern, zu überwinden.

Unabhängig davon nähert sich die Forschung in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der osmanischen Geschichte mehr und mehr aus den drei Bereichen Quellenerforschung, Gesamtbetrachtung und Geschichtsvermittlung auf einander zu. Dazu wünscht sich der Verfasser dieser Homepage sein Teil in der Geschichtsvermittlung beizutragen.

Uwe Becker

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